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Ritzen - selbstverletzendes Verhalten

Es ist für Eltern eine furchtbare Entdeckung: Schnitte, Kratzer, Ritzer und deren Narben – ihr Kind verletzt sich selbst und das häufig sehr schwer. Jetzt ist es vor allem wichtig, dass sie versuchen, die Hintergründe dieses Verhaltens zu verstehen. Denn die Schnitte („Ritzen“) – meist auf den Unterarmen – zeugen davon, dass der junge Mensch auf diese Weise versucht, erhebliche und anders für ihn kaum aushaltbare innere Spannungen zu reduzieren und seelische Leidensempfindungen mit körperlichem Schmerz zu verdrängen. Wichtig ist, dass Eltern sich stets vor Augen halten: Sich selbst zu verletzen, ist kein Selbstmordversuch der Jugendlichen.

Eltern sind aber nicht völlig machtlos: Sie können sehr viel zur Besserung ihres Kindes beitragen. Wichtig ist, dass sie verständnisvoll auf ihr Kind eingehen.

  • Sätze wie „Warum tust du dir das an?“ oder „Du hast doch alles bei uns!“ sollten vermieden werden, auch wenn dies der erste Gedanke der Eltern ist. Diese Kommentare bringen weder Eltern noch Kinder weiter und führen häufig sogar zu weiterer Entfremdung. Dass die Eltern dieses Verhalten nicht verstehen (können), wissen die Betroffenen.
  • Übereilte Reaktionen und Maßnahmen wie „sofort zum Psychiater“, „in die Klinik“ oder „zum Jugendamt“ sind wenig hilfreich.  Die unten genannten Hilfesysteme können ihre Wirkung nur entfalten, wenn das Kind den eigenen Nachteil seines Verhaltens erkennen kann und deshalb mit den Fachleuten kooperiert.
  • Eltern dürfen ihre Ratlosigkeit auch gegenüber ihrem Kind zugeben. Denn dies ist eine Reaktion, die es nur zu gut selbst kennt und gegen die es sich nicht sträuben muss.
  • Wichtig ist es, dass Vertrauensverhältnis und die Kommunikation zwischen Kind und Eltern zu stärken: Geeignet sind dafür Sätze wie: „Du hast deine Gründe für das Ritzen und die will ich/wollen wir wenigstens ansatzweise verstehen“ oder „Es muss dir sehr schlecht gehen, ohne dass wir das bisher gesehen haben.“
  • Alles, was zur Erhöhung des Selbstwertgefühles des Kindes beiträgt und zu mehr Selbstbewusstsein führt, kann helfen: Eltern können dies fördern, indem sie Anerkennung geben, sich mit und manchmal auch für das Kind über Erfolge freuen und ehrliches Lob aussprechen.

Doch auch ein hohes Engagement der Eltern kann in vielen Fällen den Kindern nicht weiterhelfen. Professionelle Hilfe zu beanspruchen, ist für Kinder und Eltern meist nicht nur ratsam, sondern wird von Experten als unumgänglich angesehen, vor allem, wenn weitere Probleme, etwa eine Essstörung, hinzukommen.

Elternfrage: Vor einiger Zeit haben wir entdeckt, dass unsere Tochter sich selbst verletzt, in dem sie an ihren Unterarmen mit einem Messer ritzt. Mit uns möchte sie jedoch nicht sprechen, sie blockt alle unsere Versuche ab. Wie sollen wir uns verhalten?

Wenn – was nicht überraschend wäre – die Tochter das Gespräch nicht annimmt, weil es aus ihrer Erfahrungssicht sinnlos ist, dann wäre zu überlegen, wer als Gesprächspartner infrage kommt. Gehen Sie Ihre Verwandtschaft, den Freundeskreis oder das weitere Umfeld durch: Gibt es eine Person, die sich für ein solches Gespräch eignet? Wichtig ist, dass diese Person ein gutes Verhältnis zu Ihrer Tochter unterhält, in dem Vertrauen herrscht, und nicht, dass Sie auf diesem Umweg Ihre Tochter aushorchen können. Darauf wird sich Ihre Tochter dann nämlich nicht einlassen. Haben Sie eine geeignete Person gefunden, geht es darum, vertrauensvolle, sichere Bedingungen zu schaffen (Ungestörtheit, Verschwiegenheit, Flexibilität etc.). Auch sich an eine Abmachung zu halten, es im Bekanntenkreis nicht weiterzuerzählen, ist wichtig. Es muss jedoch die Ausnahme bestehen bleiben, dass Sie oder die Vertrauensperson sich an Psychologen, Psychiater und andere Fachleute wenden dürfen.

(Autor: Eduard Hild, Diplompsychologe)