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Pflege: Kinder kranker Eltern

Wenn Kinder ihre Eltern pflegen, übernehmen sie eine Verantwortung, die – zumindest in den westlichen Gesellschaften – normalerweise nicht für Kinder vorgesehen ist. Statt mit Freunden zu spielen, sich beim Sport auszutoben oder regelmäßig in die Schule zu gehen, schlüpfen sie permanent in die Rolle eines pflegenden Angehörigen und sorgen für ein oder mehrere chronisch erkrankte Familienmitglieder. Die Eltern sind häufig dauerhaft erkrankt, leiden an multipler Sklerose, Krebs, einem Schlaganfall oder an psychischen Leiden wie Depressionen, Psychosen oder Sucht.

Schätzungen haben ergeben, dass sich in Deutschland so rund 225.000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren um einen kranken Elternteil kümmern – meistens ohne dass andere Stellen davon Kenntnis haben. Denn der Wunsch, dass die Familie so normal wie möglich weiterleben kann, beherrscht oft so stark die Vorstellung der Familienmitglieder, vor allem der Kinder, dass dafür die hohe Belastung einer selbst organisierten Hilfe auf sich genommen wird.

Belastungen bei Kindern erkennen

Pflegende Kinder stellen auf Nachfrage oft die positiven Erfahrungen, die sie mit ihrem Einsatz verbinden, heraus. Denn das Zusammengehörigkeitsgefühl ist in den Familien mit einem erkrankten Elternteil oft sehr stark. Die Kinder zeigen schon früh eine auffallende Reife. Sie empfinden größere Empathie für andere als Gleichaltrige. Meist haben sie ein positives Selbstbild und ein ausgeprägtes Selbstwertgefühl.

Diese positiven Auswirkungen können bei einer dauerhaften Beanspruchung des Kindes als Pflegekraft jedoch von der kaum zu bewältigenden Belastung überlagert werden:

  • Pflegende Kinder sind von Gleichaltrigen stark sozial isoliert, denn ihnen bleibt nicht die notwendige Zeit, um sich mit Freunden zu treffen und Hobbys nachgehen zu können.
  • Sie haben oft keine Vertrauensperson, der sie sich mit ihrer Trauer über die Isolierung oder anderen Kümmernissen zuwenden können: Denn ihre Eltern wollen sie in dieser Situation nicht auch noch mit eigenen Sorgen belasten. Also versuchen sie, mit ihren Problemen allein fertig zu werden – so gut es eben geht.
  • Die körperliche und psychische Überforderung kann pflegende Kinder schwer beeinträchtigen: Symptome von Unlust und Erschöpfung bis hin zu Essstörungen, Bettnässen und psychosomatischen Störungen sind nicht unüblich und allesamt Zeichen für eine Überlastung.
  • Die andauernden Anforderungen haben letztlich auch Auswirkungen auf Schule und Ausbildung: Wegen mangelnder Konzentration und fehlender Zeit für Hausaufgaben und Vorbereitung kommt es oft zu Schwierigkeiten und Fehltagen in der Schule, bei vielen führt es letztlich zum frühen Schulabbruch.
  • Unter besonders starkem Druck stehen besonders oft die ältesten von mehreren Kindern, die sich für die Aufrechterhaltung des Familienlebens verantwortlich fühlen und zugunsten ihrer jüngeren Geschwister auf eigene Freiräume verzichten.

Kinder brauchen kompetente Hilfe

Die Kinder brauchen vor allem eine kompetente Hilfe bei der Bewältigung der akuten Pflegesituation. Auch psychisch müssen sie unterstützt werden und einen Ansprechpartner haben. Vor allem, wenn ein Elternteil unheilbar erkrankt ist und sich das Kind mit seiner Zukunft, mit dem Sterbeprozess und dem Tod auseinandersetzen muss, ist es wichtig, rechtzeitig Unterstützung und eine Möglichkeit zum Austausch zu schaffen.

Elternfrage: Meine Frau ist an Krebs erkrankt und wird in absehbarer Zeit sterben. Wie spreche ich mit meinem Kind darüber?

Sie selbst wissen am besten: Verstörende Tatsachen können sprachlos machen. Vielleicht müssen Sie Ihrem Kind zum ersten Mal eine Antwort schuldig bleiben. Und das, obwohl Ihnen sonst nicht die Worte fehlen. Oder Sie sind unsicher, wie viel Wahrheit Ihr Kind verträgt. Wichtig ist, dass der Gesprächsfaden zwischen Ihnen und Ihrem Kind nicht abreißt. Zeigen Sie Ihrem Kind, dass Sie für ein Gespräch offen sind, und holen Sie sich Hilfe, um gemeinsam nach den richtigen Worten zu suchen. Nehmen Sie es ernst, wenn Ihr Kind mit Ihnen über die Krankheit, über die ungewisse Zukunft oder den Tod sprechen will, und versuchen Sie mit ehrlichen und altersgerechten Antworten einen Weg zu finden, miteinander im Gespräch zu bleiben.

Inzwischen existieren mehrere Initiativen, die Kinder kranker Eltern mit passenden Hilfsangeboten Unterstützung bieten.

(Autorin: Regine Schefels, Gesundheits- und Kinderkrankenschwester)